Teil 1 - Wie ein Fremder im eigenen Körper
ALFONS VEN (°1939) im Gespräch WILLEM DE RIDDER 1996
Dieses Radiointerview mit Alfons Ven wurde vom
holländischen Journalist Willem de Ridder geführt. Wir
mussten die Abschrift dieser Sendung stellenweise ein
wenig umarbeiten, um den Sprachstil für eine gedruckte
Version aufzubereiten.
Da saß ich also im Gespräch mit einem belgischen
Regeltechniker, der mir eine eigenwillige Theorie
nahezubringen versuchte. Er verblüffte mich mit der
Behauptung, mein Körper verfüge über ein inneres
Steuersystem, das – ähnlich wie ein Computer – sicherstelle,
dass ich wirklich Willem de Ridder bin und nicht
irgendeine Pfl anze oder ein Tier. Dies sei eine Art programmierbares
Anweisungssystem. das mein perfektes
Funktionieren garantiere. Ich verstand kein Wort und
sagte: „Wollen Sie damit behaupten, dass Sie bestimmte
Befehle in dieses System einspeisen könnten? Dass mein
Charakter sich ändern und seinen Urzustand wiederbekommen
könnte – also den Zustand, bevor meine Eltern
daran herumgepfuscht haben?“ Er sagte: „Garantiert.
Denn sobald sich der Charakter eines Menschen verändert,
sendet das System Warnzeichen aus, die wir als
Krankheiten kennen. Die verschwinden wieder, wenn
der Charakter seinen Urzustand zurückerhält.“
Ich musste lächeln. Ich glaubte ihm kein Wort. Und
ich dachte: „Dich kriege ich noch.“
Seit meinem zweiten Lebensjahr leide ich unter Asthma,
einer schrecklichen Krankheit. So ein Asthmaanfall fühlt sich an, als würde man stranguliert. Man kann
nicht liegen, nur aufrecht sitzen und lenkt die ganze
Aufmerksamkeit aufs Atmen. Es ist extrem erschöpfend.
Und alles Denken kreist um eine einzige Sache: Überleben.
Und obwohl es keinen Arzt gibt, der sagt, er könne
da irgendetwas daran ändern, behauptet dieser Mann,
er könne das Asthma einfach so verschwinden lassen.
Er sagt: „Ja. Garantiert.“ Und ich sage: „Okay, lassen Sie
uns das versuchen. Wir machen diese Radiosendung,
und wir haben eine Menge Zuhörer. Versuchen Sie es an
mir, und wenn Sie mich heilen, werden es alle erfahren,
und Sie werden bei vielen Leuten Interesse wecken.“
Und siehe da, er gab mir eine Anzahl kleiner, weißer
Kügelchen, die ich täglich einnehmen sollte, 28 Tage
lang. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen, und ich
hatte keinen einzigen Anfall mehr. Ich kann sogar Treppen
hinaufrennen, und auf dem Rad bin ich schneller
als andere. Woher, frage ich mich, hat der Mann sein Wissen? Er
ist nämlich kein Mediziner.
Seine Name ist Alfons Ven. Er wohnt in Belgien, irgendwo in den Ardennen, weit
entfernt von der Zivilisation. Doch jetzt sitzt er hier
neben mir. Willkommen, Alfons!
Alfons Ven: Schön hier zu sein, Willem
Willem: Ich habe schon oft von dieser Wunderheilung
erzählt, und ich weiß, dass unheimlich viele Leute
Kontakt zu Ihnen aufgenommen haben. Sie müssen
Ihren Patienten nicht einmal gegenübersitzen,
Sie unterhalten sich nur mit ihnen am Telefon, und
dann schicken Sie Ihnen diese kleinen, weißen Kügelchen.
Mehr nicht. Und nach einer Weile fangen
sie an zu wirken … Würden Sie uns vielleicht erzählen,
wie das alles begonnen hat, denn eigentlich
sind Sie ja Ingenieur.
Alfons Ven: Stimmt, ich bin Regeltechniker. Mein Fachgebiet
war die Prozessautomatisierung. Ich habe in
Raffi nerien und Fabriken gearbeitet, Regelsysteme
entwickelt und gestartet. Und als ich einmal eins
startete, bekam ich einen elektrischen Schlag.
Willem: Einen Schlag?
Alfons: Ja, und das veränderte mein Leben von Grund
auf. Von dem Schlag selbst hab ich nicht viel gemerkt,
und so dachte ich zuerst, es sei schon nicht
so schlimm. Aber es waren immerhin 380 Volt, die
durch mein Herz und Hirn gerast waren. Am nächsten
Tag fühlte ich mich komisch. Ich konnte nicht
genau sagen, was es war, ich fühlte mich einfach
komisch. Und je stärker dieses Gefühl wurde, um
so fremder wurde ich mir selbst. Verstehen Sie?
Ich habe mich als jemanden empfunden, der mir
selbst fremd war.
Als Ingenieur kannte ich mich mit Psychologie
nicht so aus, deshalb war mir auch nicht klar, was
passiert sein könnte. Ich wusste nur eins: dass irgendetwas
an mir anders war als vorher. In meinem
Beruf muss man immer in Topform sein. Die Arbeit
ist schwer. Man muss auf Türme steigen, Dinge entwickeln, planen, Materialien beschaffen, etwas
installieren und so weiter. Mit mir aber stimmte
ganz offenbar etwas nicht mehr, und es wurde immer
schlimmer. Ich hatte plötzlich Angst, irgendwo
raufzuklettern, selbst Auto fahren traute ich mir
nicht mehr zu. Jeden Tag sagte ich mir: Das muss
aufhören! Schließlich wendete ich mich an einen
Psychologen, der mich an einen Psychiater weiter
verwies, und bevor ich bis drei zählen konnte, lag
ich im Krankenhaus. Dort injizierten sie mir ein Beruhigungsmittel,
und ich verlor das Bewusstsein.
Willem: Sie hatten also in einer Fabrik gearbeitet. Jemand
hatte den Hauptschalter betätigt, und Sie
bekamen einen Stromschlag. Aber Sie sind nicht
gestorben, und hatten auch keine Brandwunden?
Alfons Ven: Nein, und deshalb hatte ich alles auch nicht
ernst genommen. In den ersten Tagen schluckte
ich ein paar Aspirin und dachte, das geht schon
von allein wieder weg. Aber ich fühlte mich immer
schlechter. Ich nahm Beruhigungsmittel in der Hoffnung,
sie würden helfen. Erst leichte, dann immer
stärkere, und wenig später landete ich dann beim
Psychiater. Das liegt inzwischen 30 Jahre zurück.
Zu jener Zeit waren Psychiater in Belgien so etwas
Neurologen. Ärzte also, die vorwiegend klinisch arbeiteten. Mir wurde ohne vorherige Erklärung
eine Injektion verabreicht. Ich verlor das Bewusstsein
und fiel in tiefen Schlaf. Der behandelnde Arzt
hatte mich nicht mal untersucht.
Allerdings gab es ein Problem, denn ich hatte einen
Herzfehler, von dem ich nichts gewusst hatte,
und noch während ich schlief, verschlechterte sich
mein Zustand zusehends. Der Arzt schaute nicht
nach mir, und erkundigte sich auch nicht nach
meinem Zustand, und sowie ich das Bewusstsein
wiedererlangt hatte, wurde mir eine neue Injektion
verabreicht. Ich konnte mich nicht wehren, konnte
keinem sagen, dass ich mich entsetzlich fühlte,
und womöglich sterben würde. Ich war machtlos.
Acht Tage vergingen so, und der behandelnde Arzt
kam nicht ein einziges Mal an mein Bett. Am Ende
dieser Woche stand ich tatsächlich am Rande des
Todes.
Doch endlich gelang es mir zwischen zwei Spritzen,
meiner Frau Zeichen zu geben. Sie hatte an meinem
Bett gewacht, und ich beschwor sie, mich aus dem
Krankenhaus zu bringen, denn irgendwas lief hier
völlig schief. Der Arzt lehnte mit der Begründung
ab, ich sei keinesfalls transportfähig.
Willem: … weil Sie das nicht überlebt hätten?
Alfons: Ja. Aber ich beschwor meine Frau weiter, mich
dort herauszuholen. Denn wenn ich schon sterben
sollte, dann wenigstens zuhause und nicht in diesem
Alptraum von Krankenhaus. Der Arzt sagte
ständig „Nein, er wird sterben“, während ich darauf
bestand, nach Hause gebracht zu werden. Schließlich
kam ich doch noch raus, und der Arzt sagte
„Er wird auf dem Heimweg im Auto sterben“. Wir
wohnten nicht weit vom Krankenhaus, doch er bestand
darauf, dass ich den Transport nicht überleben
würde. Na ja, wir schafften es dann doch
nach Hause.
Ich hatte Erfahrungen gemacht als würde ich aus
meinem Körper treten: Ich sank in einen Zustand,
in dem ich mich selbst daliegen sah, ich sah auch das
Krankenhauspersonal und glitt in einen Lichttunnel
… es war das, was man heute ‚Nahtod-Erfahrung‘
nennt. Vor dreißig Jahren war so etwas noch kein Thema. Kein Wunder also, dass ich überzeugt war,
der Einzige zu sein, der so etwas erlebt hatte.
Medikamente mitzunehmen, hatte ich abgelehnt.
Als ich dann zuhause war, sagten wir: „So wird es
halt von jetzt an bleiben.“ Ich litt unter ständigen
Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Mal befand
ich mich im Krieg, mal trieb ich durchs All. Ich
dachte: „Lasst mich endlich gehen. Sterben ist immer
noch besser, denn das ist kein Leben mehr.“
Willem: Sie haben also aufgegeben?
Alfons: Ich gab auf. Ich wollte gehen. Doch im selben
Moment kamen natürlich die ganzen Erinnerungen
hoch. Ich sah meine Frau und meine Kinder, und
da wusste ich wieder, dass ich für sie am Leben
bleiben wollte. So kämpfte ich also, und mehr als
einmal stand mein Leben auf der Kippe. Das "Lichtspiel“
aber, wie ich es für mich bezeichnete, diese
inneren Bilder – all dies hatte meinen Lebenswillen
wieder erweckt. Ich wollte gesund werden, um
für meine Frau und für meine Kinder zu sorgen.
So habe ich überlebt.
Willem: Ohne Medikamente?
Alfons: Am Anfang nahm ich keine. Doch als das Leben
dann langsam in mich zurückströmte, nahm
ich etwas gegen diese Halluzinationen und Wahnvorstellungen
ein. Ich musste wieder auf die Erde
zurück. Unser Hausarzt, der gleichzeitig ein guter
Freund war, fi ng vorsichtig an mich mit hochdosierten
Medikamenten zu behandeln, und durch
ihn überlebte ich. Jahre später gestand er mir, dass
er zu Behandlungsbeginn überzeugt war, ich würde
sterben. Wie auch immer – ich überlebte. Mein
Leben war jedoch nicht mehr wie vorher. Ich hatte
keine Arbeit mehr. Ich konnte auch gar nicht mehr
arbeiten. Ich war mir selbst ja völlig fremd. Ich litt
unter einem kompletten Identitätsverlust.
Willem: Sie haben sich wahrscheinlich komplett hilflos
gefühlt.
Alfons: Beinahe. Die ganzen starken Medikamente, die
in mich hineingepumpt worden waren, hatten aus
mir eine Art Zombie gemacht.
Willem: Sie waren halb lebendig und halb tot.
Alfons: Richtig. Und das ging viele, viele Jahre so weiter.
Spritzen, Leben und nicht-Leben. Diese Ängste,
die hochkamen, die Bilder und all das.
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